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Noch drei Monate Menthol

Mentholzigaretten und Mentholtabak zum Drehen und Stopfen sind ab dem 20.5.2020 in der EU verboten. Zeit, sich Vorräte anzulegen.  Und mit Alternativen zu experimentieren.

Die EU-Tabakproduktrichtlinie (TPD 2), die 2016 in Deutschland in Kraft getreten ist, verbietet „charakteristische Aromen“ in Industriezigaretten und Feinschnitt-Tabaken, „unter anderem Früchte, Gewürze, Kräuter, Alkohol, Süßigkeiten, Menthol oder Vanille“ (Art. 2 Nr. 25). So dürfen z.B. indonesische Nelkenzigaretten (Kretek) seit Mai 2016 in der EU nicht mehr hergestellt und seit Mai 2017 nicht mehr verkauft werden. Eine Ausnahme sieht die TPD aber vor (Art. 7 Nr. 14): Wenn ein solches Aroma „unionsweite Verkaufsmengen 3 % oder mehr einer bestimmten Erzeugniskategorie“ erzielt, gilt der 20 Mai 2020 als Stichtag. Was ist damit gemeint? Ausschließlich Menthol. Ist zwar ein Nischenprodukt, aber im Gegensatz zu anderen Aromen weist es einen gewissen Nutzungs- und Bekanntheitsgrad in der Welt des Tabakgenusses auf.

Allerdings wurden durch die deutsche Umsetzung der EU-Richtlinie (siehe hier und hier) „verschiedene Arten der Mentholzigaretten“ schon 2016 verboten, wie der Deutsche Zigarettenverband (DZV) beklagt. Einige Marken gibt es aber nach wie vor, nur eben nicht mehr lange. Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt wäre als starker Raucher der Marke Reyno ebenfalls betroffen, wenn ihn der Tod nicht schon im zarten Alter von knapp 97 Jahren dahingerafft hätte. Er soll seine Lieblingsmarke vorher noch stangenweise gehortet haben, um auf die TPD 2 vorbereitet zu sein – sein Frühableben verschonte ihn dann aber vor Ekelbildern und Aromaverboten.

Begründet wurde dieses Verbot übrigens damit, dass gewisse Geschmacksrichtungen Heranwachsende angeblich zum Rauchen ‚verführen‘. Wie immer bei den Antirauchern und wie üblich bei der EU nur eine vorgeschobene Ausrede. Eine besondere Popularität von Mentholzigaretten bei jungen Rauchern lässt sich in Deutschland gerade nicht feststellen. Egal, Hauptsache wieder eine Gängelung mehr gegen Tabakgenießer. Und eine massive Einschränkung der Angebotsvielfalt für die Verbraucher.

Der Versuch eines mittelständischen Herstellers aus Deutschland, per Klage vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH), dem Pseudo-Verfassungsgericht der EU, das Aromenverbot zu Fall zu bringen, blieb 2019 leider – aber erwartungsgemäß – erfolglos. Verbraucher hätten genug Zeit, „zu anderen Erzeugnissen zu wechseln“. Wer also bisher Mentholzigaretten raucht, kann das in drei Monaten nicht mehr – toller „Wechsel“, so sieht Wahlfreiheit à la EUdSSR aus.

Am 30. Mai ist der Weltuntergang“ hieß es früher im Lied, wird jetzt der 20. Mai zum Weltuntergang für Menthol-Liebhaber? Nicht ganz, denn man kann mehreres tun:

Hamstern

Sie können sich Vorräte anlegen. Bei guter Lagerung können Zigaretten zwei Jahre halten. Wenn man Qualitätseinbußen in Kauf nimmt, auch länger. Siehe hier unsere Tipps zur Bevorratung. Rund zwei Dutzend Zigarettenmarken mit Menthol gibt es derzeit noch auf dem Markt, zu finden in unserer Suche (Suchbegriffe: „Menthol“, „Ice“) und noch zwei, drei einschlägige Marken beim Dreh- und Stopftabak (den man nicht so lange lagern kann, ohne dass sich die Qualität verschlechtert). Netzwerk Rauchen rät Interessierten zum schnellstmöglichen Hamsterkauf!

Zigarillos

Außerdem gibt es einzelne Mentholzigarillos verschiedener Hersteller. Eventuell kommen noch welche hinzu, als Ersatz für verschwindende Zigarettenmarken. Vielleicht treffen sie den Geschmack einiger Raucher, gerade solcher, die nur gelegentlich zu Mentholprodukten greifen. Einfach im Fachhandel nachfragen.

Do-it-yourself

Und dann können Sie selbstgemachte Alternativen ausprobieren.

Zum einen besteht die Möglichkeit, aromatisierte Filter zu erwerben. Für Stopftabak gibt es Hülsen mit einer Kapsel im Filter, die nach Drücken das Mentholaroma freisetzt. Auch für Drehtabak existieren Mentholfilter.

Zum anderen lässt sich der Tabak selbst entsprechend behandeln. Auf dem Markt finden sich sogenannte Flavo(u)r Cards/Strips und Ampullen verschiedener Marken. Karten und Streifen werden in den Tabak gelegt, der Ampulleninhalt darauf geträufelt und je nach Produkt dauert es von einer Viertelstunde bis zu mehreren Stunden, und der hat Tabak den gewünschten Mentholgeschmack angenommen, versprechen Hersteller und Händler. Als Tabak dafür eignet sich aus Sicht des Netzwerk Rauchen – entsprechend dem Profil bestehender Metholzigaretten-Marken – besonders American Blend mit höheren Nikotinwerten. Es wäre auszuprobieren, ob z.B. Geschmackskarten auch bei Fertigzigaretten funktionieren, indem man sie in die Packung legt. Oder man träufelt gleich selbst Minzöl auf den Tabak.

Schließlich lässt sich beides kombinieren, ein aromatisierter Filter mit aromatisiertem Tabak. Für Informationen über einschlägige Produkte konsultieren Sie den Fachhandel, auch auf Händlerseiten im Internet. Viel Erfolg bei Ihren Experimenten, und berichten Sie bitte über Ihre Erfahrungen unten in den Kommentaren zu diesem Beitrag!

500 Jahre Tabak in Europa

Raucher als Fackelträger der Moderne

500 Jahre Tabak in Europa – warum jetzt das Jubiläum? Schon 1994 haben Austria Tabak und VdC in Wien das halbe Jahrtausend feierlich begangen – der Hauptredner kam aus Deutschland, ein gewisser Helmut Schmidt. Der zu damals aktuellen Plänen der EU sagte: „Ganz egal, was man von Tabakwerbung hält oder nicht, das geht Brüssel nichts an.“ Den vor 25 Jahren schon virulenten Regulierungswahn, auch auf anderen Gebieten, bezeichnete er als „eine schreckliche Entartung, die in Wirklichkeit natürlich auch zum Volkszorn beitragen muss“. Hätte man mal auf ihn gehört. „Selbst mein geliebter Schnupftabak wird demnächst einheitlich geregelt aus Brüssel“, beklagte der Altkanzler, dem durch sein frühes Dahinscheiden im Alter von nicht mal ganz 97 immerhin erspart blieb, das EU-weite Verbot seiner noch geliebteren Mentholzigaretten im kommenden Jahr erleben zu müssen.

Aber zurück zum Jubiläum. Welcher westliche Seefahrer den Tabak entdeckt hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. Kolumbus, Luis de Torres, Amerigo Vespucci werden genannt – und Magellan, der 1519 eine Weltumseglung startete. In diesem Jahr, heißt es, kamen erstmals Tabakblätter nach Europa – und sind seither nicht mehr wegzudenken. Daher das Jubiläum. Ebenfalls im Jahre 1519 wurde Katharina von Medici geboren, die später als französische Königin zur begeisterten Tabakschnupferin wurde. Das weist auf zweierlei hin:

Zum einen: Die Geschichte der Verbreitung des Tabaks ist auch eine Geschichte unterschiedlicher Konsumformen: Mit Pfeifen altamerikanischer Prägung hat es begonnen, später entstanden Schnupftabak, Kautabak, Zigarren, Zigaretten und mehr. Was nach dem 1913 formulierten sogenannten Rieplschen Gesetz für Medien gilt, nämlich dass durch neue Methoden und Übermittlungsformen die alten „niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt […]  werden können“, betrifft die Formen des Tabakgenusses analog. Keine ist ausgestorben. Es werden immer neue Holzpfeifen designt, die Wasserpfeife hat in unserer Weltgegend im letzten Jahrzehnt massiv an Boden gewonnen, die gute Zigarre hat keineswegs ausgedient, die Zigarette dominiert weiterhin, wobei neben dem fertigen Industrieprodukt selbstverständlich auch Feinschnitt und Volumentabake Bedeutung haben. Helmut Schmidts Schnupftabak wird weiterhin produziert, im Bereich des Oraltabaks käme dem schwedischen Snus eine viel größere Rolle zu, wenn er denn endlich anderswo in der EU legal wäre.

Zum anderen erinnert uns Caterina de‘ Medici an eine andere Frage: Wer raucht eigentlich? Abgesehen davon, dass die Monarchin eine frühe Vorreiterin der Frauenemanzipation auf dem Gebiet des Genusses war: Der Tabak hat sich in Europa in den vergangenen 500 Jahren mal eher von ‚oben‘, mal von ‚unten‘ verbreitet. Durch Seeleute anfangs, später immer wieder durch Soldaten, die in Kriegen quer über den Kontinent zogen, oder durch Arbeiter. Aber es waren auch die ‚höchsten‘ Kreise, die stilbildend wirkten. Damals die höfischen Sitten – in vielen königlichen Familien wird der Tabak nach wie vor nicht verschmäht – oder in Person von Prominenten wie Künstlern. Genauso wie bei den Konsumformen wechselten auch dabei die Konjunkturen – und derzeit will sich in der westlichen Welt ein breites Mittelmaß durch Nichtrauchen oder ‚Tabakscham‘ nach unten abgrenzen.

Der langsame Siegeszug des Tabaks während eines halben Jahrtausends spiegelt den europäischen Fortschritt wieder, die Aufklärung in Denken und Politik, wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand, Erfindungen, Technik und Kultur. Ohne die Köpfe und die Hände der Tabakgenießer stünden wir heute viel schlechter da. Exemplarisch seien Schillers Schnupftabak, Einsteins Pfeife und Erhards Zigarre genannt. Wie viele Ideen der letzten 500 Jahre wurden wohl geschmiedet, wie viele Rebellionen geplant und wie viele Beziehungen geknüpft, während man beim Tabak(rauchen) zusammensaß?

Tabak, um einen anderen Aspekt anzusprechen, galt früh als Heilmittel – und ist es übrigens heute indirekt wieder, wenn ‚medizinisches‘ Marihuana damit gestreckt wird. Aber er galt eben auch als Bedrohung und Verkörperung des Bösen, als „Teufelskraut“, als Versuchung und Laster. Die Geschichte des Tabaks ist auch die Geschichte seiner Verfolgung. Sir Walter Raleigh, der zur Popularität des Tabaks in England maßgeblich beigetragen hatten, wurde vor gut 400 Jahren auf Geheiß von König Jakob I. im Londoner Tower eingekerkert, einem Monarchen, der schon 1604 das erste bedeutsame Antiraucherpamphlet verfasst hatte („A counterblaste to tobacco“). Es gab immer wieder Länder, in denen Raucher diskriminiert wurden; und da reden wir nicht nur von der Steuerlast, sondern auch von Rauchverboten aller Art (totale galten z.B. Mitte des 17. Jahrhunderts in vielen Teilen Deutschlands) und harten Strafen wie Tötungen und herausgeschnittenen Zungen. In Russland oder dem Osmanischen Reich galt zeitweise derlei. Anfangs hatten Raucher mit der Spanischen Inquisition zu kämpfen, heute spielt – wie vor 100 Jahren – der anglopuritanische Prohibitionismus eine große Rolle. Die Nazis waren Tabakbekämpfer, in jüngster Zeit der IS. Nach all diesen Erfahrungen müsste die Losung lauten: Nie wieder Krieg gegen den Tabak! Nie wieder Gesundheitsfaschismus!

Doch davon sind wir weit entfernt. Heutzutage, wir wissen davon leider ein Lied zu singen, agiert die Tabakbekämpfung globaler, vernetzter und geschickter denn je. So wie der Tabakgenuss am Anfang der europäischen Moderne stand, steht der Versuch seiner Ausrottung heute möglicherweise für eine neue Zeitenschwelle. Mich beschleicht immer mehr der Eindruck, dass wir in die Postmoderne abgleiten, so wie früher die Antike im Mittelalter versunken ist. Vielleicht markiert das Jahr 2000 ebenso wie das Jahr 500 oder das Jahr 1500 als grober Zeitpunkt eine epochale Wende. Wenn die Moderne ausgehen und verlöschen soll wie eine „feuersichere Zigarette“, dann ist klar, dass die Raucher als symbolische Fackelträger dieses goldenen Zeitalters ebenso verschwinden müssen. Im postmodernen Irrenhaus sind keine Raucherzimmer vorgesehen.

Christoph Lövenich

Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 12. Oktober 2019 auf der Bundesmitgliederversammlung des Netzwerk Rauchen gehalten hat.